Die Nacht, in der alle auf den Bowser schauten.

Sportlich ist der SVD angekommen. Doch das „Projekt 1. Regionalliga“ stand finanziell auf wackligen Füßen. Zehn Tage vor dem Start war das Aus nah. Doch dann gab es eine denkwürdige Nacht in der Brügmann-Halle. In der Sportwelt gibt es Metaphern, die im normalen Leben heutzutage kein Mensch mehr benutzt. „Lehrgeld“ ist so eine. Lehrgeld meint im eigentlichen Sinne die Summe, die ein Lehrling früher als Ausgleich für seine Ausbildung zahlen musste. Sagt heute niemand mehr, gibt’s auch gar nicht mehr. Dennoch erfreut sich das Lehrgeld – im sprachlichen Sinne – großer Beliebtheit. Immer dann, wenn es um Niederlagen der Kleinen gegen die Großen geht. Beim SVD ist der Begriff in dieser Saison auch schon gefallen. Bei den deutlichen Niederlagen bei Spitzenreiter Düsseldorf oder gegen das Top-Team aus Herten zum Beispiel. „Da haben wir Lehrgeld zahlen müssen“, sagen Trainer oder Spieler dann gern. Die Situation des SVD beschreibt diese Metapher insofern ganz gut. Ganz egal, ob die Mannschaft gerade gewonnen oder verloren hat, in gewisser Weise bezahlten die Derner zu Beginn der Saison an jedem Wochenende Lehrgeld. Nicht metaphorisch, sondern praktisch. Felix Fuhrmann, der Kapitän des SVD, kann sich noch sehr genau an diesen einen Moment an einem Donnerstagabend in der Brügmann-Halle erinnern. Die Mannschaft hatte gerade bewegte Wochen hinter sich. Es ging auf und ab. Erst der Kampf um die Tabellenspitze in der 2. Regionalliga, dann das verlorene Top-Spiel gegen Hagen am letzten Spieltag, die unverhoffte Aufstiegsoption nach dem Verzicht der Hagener und die Entscheidung, den Schritt in die 1. Regionalliga als Nachrücker doch zu wagen. Schleppende Vorbereitung Aber die Vorbereitung verlief schleppend – auf vielen Ebenen. Organisatorisch, weil zum Betrieb der einzelnen Spieltage mehr helfende Hände gebraucht wurden und der plötzliche Tod von Gerd Gräf, dem Mann für alles beim SVD, ein ziemliches Loch hinterlassen hatte. Auch finanziell, weil potenzielle Sponsoren nach dem Gang in die neue Liga immer noch nicht Schlange standen beim SVD. Wobei eine Schlange gar nicht notwendig gewesen wäre. Ein, zwei starke Partner hätten schon genügt. Und sportlich. Mit nur wenigen Verstärkungen versuchten sich die Derner fit zu machen für die Saison. Was ein steiniger Weg werden würde, wie sie nach den ersten Testspielen feststellten. Schon allein deshalb war diese letzte Woche vor Saisonbeginn eine besondere. Es war die nach dem ersten Sieg in einem Testspiel. Und das gegen Ligakonkurrent Recklinghausen. Es war ein erstes Zeichen, dass sich die Mühen auszahlen. Endlich. Doch nach dem Auf folgte schnell wieder das Ab. Und zwar in Person von Abteilungsleiter Henrik Sojka. Der teilte der Mannschaft eben an diesem besagten Donnerstagabend beim Training mit, dass ein Start in der Liga aus finanzieller Sicht ein zu großes Risiko bedeuten würde. Sein Vorschlag: Kurz vor dem Saisonstart vom Spielbetrieb zurückziehen... „Wir haben uns fest vorgenommen, keine finanziellen Wagnisse einzugehen und der Mannschaft erklärt, dass das so, ohne größere Unterstützung von außen, keinen Sinn macht“, so Sojka. Das Fax, das an den Verband geschickt werden sollte, um den Rückzug anzumelden, war schon vorbereitet. „Wir standen in der Mitte der Halle und keiner hat einen Ton gesagt“, hat Felix Fuhrmann die Situation noch gut im Gedächtnis. In diesem Moment hatte sich der Traum von der 1. Regionalliga in Luft aufgelöst. Die Mühe, um das Ziel zu erreichen, die Anstrengungen, um in Form zu kommen – umsonst. Fuhrmann, der Kapitän, war es, der das Schweigen unterbrach. „Wenn es hilft, verzichten wir auf unser Geld“, warf er in die Runde. Sein Vorschlag war wie ein Dreier in der letzten Sekunde, der das Spiel noch wendet. Doch, um im Basketball-Bild zu bleiben: Noch tanzte der Ball nur auf dem Ring. Der Bowser nickt „Wir schauten zu Aaron herüber, ob er mit diesem Vorschlag auch einverstanden war“, schildert Fuhrmann. Aaron Bowser ist der Kopf der Derner. Der Amerikaner ist der beste Schütze des SVD. Derzeit sogar der beste der Liga. Nur, wenn auch er darauf eingehen würde, konnte es klappen. „Und Aaron hat einfach nur genickt“, berichtet Fuhrmann, „das war der Durchbruch.“ Der Ball war im Korb. Große Summen sollten die Basketballer des SVD ohnehin nicht bekommen. Aufwandsentschädigungen vielmehr. Fuhrmann beispielsweise oder die anderen beiden „Hagener“, Aaron Bowser und Tresor Nsiabandoki, fahren dreimal die Woche die 60 bis 70 Kilometer von ihrer Heimatstadt zum Training und zurück. Hinzu kommt am Wochenende ein Spiel. Die Aufwandsentschädigungen hätten das Benzingeld gedeckt. Vielleicht wäre auch noch ein bisschen was übrig geblieben. Der Vorschlag der Mannschaft traf Abteilungsleiter Sojka, wie er gerne zugibt, unvorbereitet. Die Abmachung: Wenn es nicht gelingt, neue Unterstützer zu finden, spielt die Mannschaft vorerst ohne Geld. Gibt es Einnahmen, gehen die an die Mannschaft weiter. Er ging darauf ein. „Damit liegt das finanzielle Risiko für den Verein fast bei Null“, beschreibt Sojka, „ein solches Angebot konnte ich nicht ablehnen. Zumal es sich die Mannschaft aus sportlicher Sicht sowieso verdient hat, dort zu spielen.“ Was auch Trainer Peter Radegast betont. „Die Entscheidung zeigt den starken Charakter der Spieler“, lobt er, „sie haben bewiesen, dass es ihnen um den Sport geht. Das macht mich stolz.“ Es war nicht die schlechteste Entscheidung, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Sportlich ohnehin, doch auch organisatorisch wächst der SVD an den Aufgaben, die die 1. Regionalliga mit sich bringt. „Der Verein ist zusammengerückt“, hat Kapitän Fuhrmann bemerkt, „wir als erste Mannschaft haben unseren Beitrag geleistet, sind aber auch froh und dankbar, dass viele Helfer im Verein mitziehen.“ Auch Abteilungsleiter Sojka freut die Entwicklung, wenngleich er nicht in die ganz große Euphorie verfallen will. „Um langfristig etwas aufzubauen“, sagt er, „brauchen wir die Unterstützung von Sponsoren.“

Zurück